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Sabbatical bei Senacor: Bildungskarenz im Reich der Mitte

von | 12. Januar 2022 | Allgemein, Sabbatical, Senacor

Markus Arzt

Markus Arzt

Managing Consultant bei Senacor

Es ist kein Geheimnis: Die Projektarbeit beim Kunden ist vielseitig, fordert jedoch auch so einiges ab. Zwischen heißeren Projektphasen wünscht sich daher so manch einer die redlich verdiente Auszeit. Um diesem Wunsch nachzukommen, ermöglicht Senacor allen MitarbeiterInnen, sich im Rahmen eines Sabbaticals längere Zeit von der Arbeit freistellen zu lassen. Diese Möglichkeit wird auch rege genutzt, beispielsweise für Weiterbildungen, eine Promotion, private Projekte oder – wie im Falle von Markus – um ein neues Land und eine neue Sprache kennen bzw. zu erlernen. Im Folgenden berichtet er von seiner Auszeit und seinen Erlebnissen in China.

 

Motivation

Meine Großmutter nannte mich in meiner Jugend ein „Springinkerl“ oder zu Hochdeutsch: unruhiges, lebendiges Kind. Insofern kam es für mein privates Umfeld wohl wenig überraschend, als ich nach 2 Jahren in der IT-Beratung zumindest zeitweise aus dem „Hamsterrad“ aussteigen und wieder einmal etwas Neues ausprobieren wollte. Denn schon ein altes chinesisches Sprichwort sagt „Habe keine Angst langsam zu wachsen, aber hüte dich vor dem Stillstand“ oder wie ich mittlerweile weiß im Original: 不怕慢,就怕停 In Österreich wird hierfür mit der Bildungskarenz ein innovatives Konzept zur Weiterbildung innerhalb eines gesicherten finanziellen Rahmens angeboten. Dabei kann man unter Zustimmung des Arbeitgebers eine Ausbildung durchführen und erhält vom Staat finanzielle Unterstützung in Höhe des Anspruchs auf Arbeitslosengeld. Mit Blick auf die wachsende geopolitische Rolle von China fasste ich den Entschluss dieses Angebot zu nutzen und ein halbes Jahr lang Chinesisch vor Ort in China zu lernen. Neben dem Erwerb der Sprachkompetenz wollte ich vollständig in diese, für mich fremde, Kultur eintauchen und das Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Alter Sommerpalast in Peking

Einkaufsstraße in Xi’an

Vorbereitung

Da ich möglichst viele Erfahrungen während meiner Zeit in China sammeln wollte, fokussierte sich meine Recherche auf Sprachschulen, die in mehreren Städten aktiv sind. Nach etwas Geduld wurde ich auf „That’s Mandarin“ aufmerksam und vereinbarte ein Lernprogramm für 3 Monate in Peking und knapp 3 Monate in Shanghai. Mit Blick auf die Realisierung möchte ich meinem damaligen Projektumfeld und insbesondere den Senacor-KollegInnen im Hintergrund ein großes Dankeschön aussprechen. Im Projekt wurde nie in Frage gestellt, ob mir die Bildungskarenz überhaupt ermöglicht werden kann. Im Gegenteil: Ich empfing Senacor-intern und auch vom Kunden nur positiven Zuspruch und ab und zu ein gesundes Maß an Neid. Von Seiten der Corporate Services gab es detaillierte und passgenaue Unterstützung, was mir die Organisation meiner Auszeit ungemein erleichterte. Zusätzlich musste ich die Bildungskarenz beim Arbeitsmarkt-Service in Österreich anmelden und genehmigen lassen. Dies ist allerdings frühestens 3 Wochen vor Antritt der Bildungskarenz möglich und setzt vorab einen Zahlungsnachweis für eine Sprachschule oder einen Inskriptionsnachweis für eine Universität voraus. Da ich mich für die Option der Sprachschule entschieden hatte und knapp 4.000€ zahlen musste, ohne zu wissen, ob die Bildungskarenz genehmigt wird, war ich etwas angespannt, bis schlussendlich die Bewilligung durch das Amt vorlag. Während dieser formalen Vorbereitungen hatte ich außerdem das Geschick mir das Kreuzband am linken Knie zu reißen und benötigte ein halbes Jahr vor der Abreise bzw. kurz nach dem Entschluss, die Bildungskarenz zu machen, eine Operation. Um für die Reise fit zu sein, standen demnach Reha und Physiotherapie auf der Tagesordnung. Diese Doppelbelastung neben dem Projektalltag wurde aber durch meine Erfahrungen in China mehr als ausreichend belohnt. Als alle Hürden genommen waren, blieb mir am Ende nur mehr, wie in Wien üblich, zum Abschied leise Servus zu sagen.

Erlebnisse

Wenn man aus meiner Heimatregion auf der Autobahn nach Wien hineinfährt, steht seit Jahrzehnten das etwas drohende Schild „Wien ist anders“. Mittlerweile weiß ich: Nein, China ist anders. Von der Größe über den Geschmack bis hin zur Gesundheit und darüber hinaus bietet China Überraschungen für alle Sinne. So ist mir trotz zahlreicher Reisen u.a. nach Indien die Dimension der Stadt Peking nach wie vor unbegreiflich. Oder konnte ich, trotz des bekannten Klischees der Nutzung exotischer Zutaten, meine Überraschung nicht verbergen, als mein gebratener Hühnerreis mit einer Garnitur bestehend aus Hühnerfüßen serviert wurde. Auch die ernsthafte Gefahr von Smog habe ich erst kennen gelernt, als ich bei einem Luftqualitätsindex von ca. 400 (gesundheitsgefährdend) für PM 2.5 (nicht sichtbar) Sport gemacht habe. Seitdem kann ich erahnen, wie sich Atmen für einen schweren Raucher anfühlen muss.

Verlassenes Dorf Houtouwan

An die chinesische Sprache hingegen konnte ich mich unerwartet schnell gewöhnen und am Ende meiner Zeit in China die Prüfung für das Level HSK 3 erfolgreich ablegen. Die LehrerInnen behaupteten zwar es gäbe kaum Grammatik in der chinesischen Sprache, aber der geschulte Lateiner erkennt die Konzepte und bekommt so schnell ein Gefühl für die Sprache. Die größte Hürde war sicherlich die Nutzung der Sprache im täglichen Leben. Die Menschen waren aber durchwegs sehr nett und hilfsbereit, sodass ich nach einiger Zeit auch fernab der internationalen Städte den richtigen Weg fand und das richtige Essen bekam. Auch die traditionellen Schriftzeichen machten von Tag zu Tag mehr Sinn für mich. Passiv kannte ich am Ende mehrere hundert Zeichen, aber aktiv habe ich nicht einmal den Versuch gestartet mir diese einzuprägen. Mit den modernen Technologien und Pinyin (der Romanisierung der traditionellen Schriftzeichen) ist dies aber auch nicht wirklich notwendig. Neben dem Absurden und dem Pädagogischen habe ich so viel erlebt, dass dies den Rahmen meines Blogartikels sprengen würde. Von den bürokratischen Hürden der Eröffnung eines Bankkontos in China, über das Erkranken an der Höhenkrankheit im Base Camp des Mount Everest, wunderbaren Begegnungen mit Chinesen unterschiedlichsten Werdegangs bis hin zu gesteigertem Alkoholkonsum in der mongolischen Steppe bei klarstem Sternenhimmel (denn: je mehr Alkohol desto besser die neue Freundschaft) war alles dabei wonach ich in dieser Auszeit gesucht habe. Vor allem auch Zeit zum Nachdenken.

Steppe in der inneren Mongolei

Wiedereinstieg

Geprägt durch meine Erlebnisse war ich motiviert mich beruflich neu zu orientieren und suchte nach einer Möglichkeit im Bereich des Klimawandels tätig zu werden. Deshalb hatte ich mit Senacor offen vereinbart neben dem Projekt nach neuen Herausforderungen zu suchen. Bei der Suche nach Alternativen musste ich aber mehr und mehr feststellen, welche Qualität Senacor als Arbeitgeber besitzt und entschied mich schlussendlich zu bleiben. Auch wenn der Wiedereinstieg etwas holprig war, bleibt retrospektiv betrachtet die Erkenntnis:  Die tägliche Struktur mit zahlreichen Terminen und Abstimmungen und das Hinarbeiten auf Deadlines war zu Beginn nach meiner abwechslungsreichen Zeit in China zwar ungewohnt, aber ist nach all dieser Zeit ein bisschen wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht.

Terrakotta-Krieger in Xi’an

Fazit

China ist kulturell und von der Natur her ein extrem spannendes und schönes Land. Da es keinen Grund für Sicherheitsbedenken gibt, empfehle ich allen das Land auf die persönliche Reiseliste zu setzen. An das Essen muss man sich anfangs etwas gewöhnen, aber dafür lernt man sehr effizient mit Stäbchen zu essen und kann die Bekannten beim nächsten Besuch im China-Restaurant beeindrucken. Auch die Nutzung einer Bildungskarenz kann ich nur empfehlen. Zwar konnte ich meine neuen Sprachkenntnisse noch nicht in den Projekten einsetzen, dafür haben mir vermeintlich triviale Erfahrungen wie die aktive Nutzung von Wechat Pay geholfen den Payment-Sektor besser zu verstehen.

Höchster Punkt von Hung Shan

Das für mich wichtigste war aber wohl die Gelegenheit mit etwas Abstand zu reflektieren. In 2 Jahren Beratung erlebt man viel und es bleibt im Normalfall nicht die Zeit alles zu verarbeiten. Die Entschleunigung und das Auseinandersetzen mit dem in China weit verbreiteten Taoismus kommt mir auch heute, 3 Jahre nach meiner Auszeit, tagtäglich in meiner Arbeit zugute. Wen die Idee einer Auszeit bewegt, er oder sie aber aus Angst um die Karriere oder anderen Gründen diesen Schritt nicht wagt, dem kann ich nur Robert Frost ans Herz legen: „Two roads diverged in a wood, and I — I took the one less traveled by, and that has made all the difference.”